Was ist Gewalt?

Gewalt bedeutet eng betrachtet körperlicher Zwang und die Absicht, eine andere Person körperlich zu schädigen (vgl. Schwind et al. 1990: S. 35).

gewalt-ist-keine-lösung-webAuch Fuchs definiert Gewalt als absichtliche, physische Schädigung (vgl. Fuchs 1993; S. 51). Der eng gefasste Gewaltbegriff hat nach Willems den Vorteil, “[…] dass er sich auf beobachtbare Elemente bezieht, so dass eine objektive, wissenschaftliche Gewaltbeobachtung und Messung möglich wird” (Willems 1993: S. 92).

Wird Gewalt wie oben geschehen nur auf die physische Komponente reduziert, um einen rein objektivierbaren Sachverhalt zu erlangen, ist eine individuelle Bewertung, ob Gewalt vorliegt, nicht möglich. Ob ein Verhalten als gewalttätig interpretiert wird, ist „[…] vom Bezugssystem des Beurteilers sowie situativen und normativen Kriterien der Angemessenheit des Verhaltens […]“ (Mummendey 1992: S. 304) abhängig.

Auch in der Schule treffen unterschiedliche Bewertungen des Gewaltbegriffs aufeinander: Schülerinnen und Schüler haben im Gegensatz zu ihren Lehrkräften eher einen engen physischen Gewaltbegriff. Sie stufen leichte Formen von Vandalismus oder verbale Aggressionen nicht als Gewalt ein (vgl. Darge 1998: S. 250).

Aber auch bei physischen Übergriffen sind die Grenzen des Gewaltbegriffs fließend. Sie haben im historischen Verlauf einen normativen Wandel erlebt, der auch für die Institution Schule gut nachweisbar ist. So war noch bis 1973 in einigen Bundesländern in Deutschland den Lehrkräften in Schulen gestattet, Schülerinnen und Schüler körperlich zu züchtigen. Was damals als „Wahrnehmung des Erziehungsauftrags“ galt, wird heute eindeutig als „körperliche Gewalt“ eingestuft und steht unter Strafe (vgl. Tillmann et al. 2007: S. 19).

Nach Tillmann et al. steht hinter der Einstufung einer Handlung als „körperliche Gewalt“ stets ein individuelles, normatives und zeitlich-historisch gebundenes Verständnis (vgl. ebd.: S. 20).

Allgemein bekannt ist jedoch die Aussage, dass Worte oft wirkungsvoller verletzen können als Taten. Hier stößt auch ein allein physisch definierter Gewaltbegriff an seine Grenzen. Gerade im schulischen Alltag erleben Schülerinnen und Schüler häufiger verbale Angriffe als körperliche Übergriffe und werden als psychische Gewalt erlebt. Oft entwickeln sich im Anschluss an verbale Streitereien körperliche Auseinandersetzungen (vgl. ebd.: S. 20 f.).

Aus Gründen der Alltagstauglichkeit wurde der enge, weitgehend physisch gefasste Gewaltbegriff neu gefasst und um die Kategorien „personale Gewalt“ und „strukturelle Gewalt“ ergänzt.

Personale Gewalt

mobbingHurrelmann untergliedert „personale Gewalt“ in folgende Gruppen (vgl. Bründel/Hurrelmann 1994: S. 23):

  • Physische Gewalt: Schädigung und Verletzung eines anderen durch körperliche Kraft und Stärke
  • Psychische Gewalt: Schädigung und Verletzung eines anderen durch Abwendung, Ablehnung, Abwertung, durch Entzug von Vertrauen, Entmutigung und emotionales Erpressen
  • Verbale Gewalt: die Schädigung und Verletzung eines anderen durch beleidigende, erniedrigende und entwürdigende Worte

Als spezifische Aspekte von „personaler Gewalt“ nehmen die Begriffe „Bullying“ und „Mobbing“ vor allem in der Schulgewaltforschung einen wichtigen Stellenwert ein (vgl. Smith 1999: S. 21).

Dan Olweus definiert Mobbing/Bullying als negative Handlungen von einer oder mehrerer Personen, die sich gegen eine oder mehrere Personen zum wiederholten Male und über einen längeren Zeitraum richten (vgl. Olweus 1999: S. 282). Solche Handlungen können verbal (drohen, verspotten, beschimpfen usw.), physisch (schlagen, schubsen, treten, kneifen, festhalten usw.) oder non-verbal (Grimassen schneiden, böse Gesten, Rücken zuwenden usw.) sein. Bullying erfordert, dass zwischen der geschädigten Person und der/dem Täter(in) (oder der Gruppe von Tätern) ein Ungleichgewicht der Kräfte herrscht, das sich auf körperliche oder psychische Stärke beziehen kann.

Strukturelle Gewalt

stop-hand-webDer Begriff der „strukturellen Gewalt“ stammt von dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung. Es handelt sich um eine bedeutsame Erweiterung des Gewaltbegriffs. Im Gegensatz zur „personalen Gewalt“ gibt es bei der „strukturellen Gewalt” keinen personifizierten Täter. Es wird als grundlegender gesellschaftlicher Missstand (z.B. Armut oder Unterdrückung) beschrieben (vgl. Tillmann et al. 2007: S. 22). Nach Galtung liegt Gewalt dann vor, „[…] wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.” (Galtung 1971: S. 57) Galtung beschreibt damit verdeckte, gewalthaltige Kräfte, die im Gefüge gesellschaftlicher Ungleichheit, sozialer Ungerechtigkeit und ungleicher Chancenstrukturen stecken (vgl. ebd.).

Strukturelle Gewalt zeigt sich in der Institution Schule beispielsweise durch die Schulpflicht, der sich die einzelne Schülerin oder der einzelne Schüler nicht entziehen kann, ohne als Schulverweigerer abgestempelt zu werden und eigene beruflichen Zukunftsaussichten negativ zu beeinträchtigen.

Auch wenn in vielen Ländern die allgemeine Schulpflicht eine lange Tradition hat und eine gesellschaftliche Errungenschaft ist, besteht bis heute noch keine Chancengleichheit, wie durch Ergebnisse der PISA-Studien, insbesondere für Deutschland, nachgewiesen wurde (vgl. Melzer et al. 2011: S. 52).

Der aktuelle wissenschaftliche Diskurs fordert den Gewaltbegriff deutlich enger zu fassen und die gesellschaftlichen Miseren nicht als Bestandteil der Definition aufzufassen, sondern als mögliche Ursache für die Entstehung von Gewalt zu sehen (vgl. Tillmann et al. 2007: S. 23).

Abgrenzungen zwischen Gewalt, Aggression und Devianz

gewalteierIn der Wissenschaft wurden viele Theoriemodelle zur Erklärung von Gewalt und Aggression entwickelt, die auf der psychologischen und soziologischen Begriffssystematik basieren.

In der Psychologie hat sich für den Begriff „Aggression“ eine eigenständige wissenschaftliche Teildisziplin, die Aggressionsforschung, entwickelt.

Leitbegriffe in der Soziologie sind „Devianz“ (abweichendes Verhalten) und „Gewalt“.

In Anlehnung an Melzer werden in dieser Arbeit sowohl psychologische als auch soziologische Forschungstraditionen berücksichtigt (vgl. Melzer et al. 2011: S. 55).

Im psychologischen Kontext werden unter dem Begriff „Aggression“ Verhaltensweisen zusammengefasst, bei denen „[…] ein gerichtetes Austeilen schädigender Reize erkannt wird.“ (Lösel et al. 1990: S. 10)

Aggressives Verhalten kann verbal oder körperlich erfolgen, es kann offen oder verdeckt auftreten. Folgt man dieser Aussage, so muss „Gewalt“ als ein Bestandteil von Aggression verstanden werden. Selg et al. sehen in „Gewalt“ eine „[…] angedrohte oder ausgeübte physische Aggression“ (Selg et al. 1988: S. 18).

Eine Gleichsetzung von Aggression und Gewalt ist jedoch innerhalb der Wissenschaftler umstritten. Nach Kempf ist dies nicht zulässig. Er sieht eine Handlung dann als aggressiv, „[…] wenn der Akteur meint, damit gegen den Willen anderer Personen zu verstoßen.“ (Kempf 1996: S. 19)

Kempf sieht in Aggression ein überlebenswichtige Fähigkeit, sich durch gezieltes Handeln auch gegen Widerstände durchzusetzen, ohne andere körperliche oder seelische zu verletzen (vgl. ebd.: S. 29). Bei dieser Sichtweise verliert die „Aggression“ ihre negative Bedeutung.

Nach der Auffassung von Kempf handelt es sich um „Gewalt“, wenn Menschen körperlich und/oder seelisch verletzt werden (vgl. ebd.).

Aggression wird erst dann zu einem Problem, wenn sie in Gewalt umschlägt (vgl. ebd.: S. 19).

Bei dem soziologisch geprägten Begriff „Devianz“ handelt es sich immer um ein Verhalten, das nicht mit den Normen übereinstimmt, die ein soziales System seinen Mitgliedern auferlegt hat (vgl. Sack 1972: S. 15). Sack bezeichnet dieses Verhalten als von der Norm „abweichend“ (vgl. ebd.).

Nach dieser Definition verhält sich eine Mensch deviant, wenn er gegen Regeln und Normen, die den Alltag in der Gesellschaft bestimmen, verstößt.

Zwar werden im Zuge von Forschungsarbeiten zur Gewalt die Begriffe „Gewalt“, „Aggression“ und „Devianz“ häufig synonym verwendet (vgl. Krumm 1997: S. 65), jedoch hat sich nach Melzer der Gewaltbegriff als theoretisches Leitkonzept durchgesetzt (vgl. Melzer 1998: S. 28).

Mesut Göre, 2016


Literaturverzeichnis

Bründel, Heidrun/Hurrelmann, Klaus (1994):
Gewalt macht Schule. Wie gehen wir mit aggressiven Kindern um? München: Droemer Knaur

Darge, Kerstin (1998):
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Fuchs, Albert (1993):
Gewaltbegriff und Funktion von Gewalt. In: Kempf, Wilhelm/Frindte,Wolfgang/Sommer, Gert/Spreiter, Michael (Hg.): Gewaltfreie Konfliktlösungen. Heidelberg: Asanger, S. 35 – 52

Galtung, Johan (1971):
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Kempf, Wilhelm (1996):
Begriff und Probleme des Friedens – Beiträge der Sozialpsychologie. Reader 3265. Hagen: Fernuniversität

Krumm, Volker (1997):
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Lösel, Friedrich/Selg, Herbert/Schneider, Ursula/Müller-Luckmann, Elisabeth (1990):
Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt aus psychologischer Sicht. In: Schwind, Hans-Dieter/Baumann, Jürgen (Hg.) (1990): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Bd. II. Berlin: Duncker & Humbolt, S. 1 – 156

Melzer, Wolfgang/Schubarth, Wilfried/Ehninger, Frank (2011):
Gewaltprävention und Schulentwicklung. 2. Auflage. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

Mummendey, Amelie (1992):
Aggressives Verhalten. In: Stroebe Wolfgang/Hewstone, Miles/Codol, Jean-Paul /Stephenson, Geoffrey M. (Hg.), Sozialpsychologie. Eine Einführung. 2. Auflage.  Berlin: Springer, S. 275 – 304

Olweus, Dan (1999):
Täter-Opfer-Probleme in der Schule: Erkenntnisstand und Interventionsprogramm. In: Holtappels, Hans Günther/Heitmeyer, Wilhelm/Melzer, Wolfgang/ Tillmann, Klaus-Jürgen (Hg.): Forschung über Gewalt an Schulen. Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention. 2. korrigierte Auflage. Weinheim und München: Juventa, S. 281 – 298

Sack, Fritz (1972):
Stichwort „abweichendes Verhalten“. In: Bernsdorf, Wilhelm: Wörterbuch der Soziologie. Bd. 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 15 – 20

Schwind, Hans-Dieter/Baumann, Jürgen (Hg.) (1990):
Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Bd. I. Berlin: Duncker & Humbolt

Selg, Herbert/Mees, Ulrich/ Berg, Detlef (1988):
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Tillmann, Klaus-Jürgen/Holler-Nowitzki, Birgit/Holtappels, Heinz Günter/Meier, Ulrich/Popp, Ulrike (2007):
Schülergewalt als Schulproblem. Verursachende Bedingungen, Erscheinungsformen und pädagogische Handlungsperspektiven. Weinheim, München: Juventa

Willems, Helmut (1993):
Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Anmerkungen zum gegenwärtigen Gewaltdiskurs. In: Otto, Hans-Uwe;/Merten, Roland (Hg.): Rechtsradikale Gewalt im vereinigten Deutschland. Opladen: Leske + Budrich, S. 88 – 108