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Allgemeine Artikel über Themen, die wir bearbeiten bzw. interessant finden.

Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt: Wenn aus dem Menschen, den man am meisten liebt, plötzlich
der ärgste Feind wird…

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Häusliche Gewalt findet sie hinter verschlossenen Türen statt. Sie wird häufig verharmlost oder ganz verschwiegen aus Angst oder Scham, weil der Täter dem Opfer nahesteht, es manipuliert oder unter Druck setzt Gewalt, die durch eine geliebte Person erlitten wird, verursacht nicht nur körperliche Schmerzen. Sie verzehrt die Seele auf und bricht die Persönlichkeit des Opfers. Häusliche Gewalt findet überwiegend im vermeintlichen Schutzraum der eigenen vier Wände statt. Häufig ist häusliche Gewalt kein einmaliges Ereignis, sondern tritt in einer Beziehung oder Ex-Partnerschaft immer wieder auf. Sie steigert sich im Laufe der Zeit immer mehr. Alle sozialen Schichten, mit unterschiedlichem Einkommen und Bildungsstand und jeder Herkunft können betroffen sein. Täter sind zumeist Männer. Gewalt in Partnerschaften trifft zu 82 Prozent Frauen, im Jahr 2015 waren es insgesamt 104 290 weibliche Opfer. SELAM-Berlin gUG möchte mit dem Programm KonTra häusliche Gewalt gewaltausübende Männer mit einem Konflikttraining dazu befähigen, Beziehungskonflikte gewaltfrei zu lösen und Krisen in der Beziehung gewaltfrei zu bewältigen.

KONTRA HÄUSLICHE GEWALT – Konflikttraining für gewaltausübende Männer

 

Mobbing: Und ich bin einsam!

Mobbing: Und ich bin einsam!

Stellt man sich die Frage, was Kinder glücklich macht, gehören Einsamkeit, Trauer und Verzweiflung mit Sicherheit nicht dazu. Das sind die Gefühle, mit denen Kinder, die gemobbt werden, Tag ein Tag aus leben müssen.

Warum mobben Kinder andere Kinder?

Woran können wir Eltern und PädagogInnen erkennen, dass ein Kind gemobbt wird?

Und vor allem, wie können wir das Mobben beenden – besser verhindern?

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Ich habe einen Termin mit einem ehemaligen Schüler. Ich nenne ihn in diesem Beitrag „Nico“. Das letzte Mal haben wir uns vor etwa neun Jahren gesehen, als er die Schule verließ. Vor kurzem begegneten wir uns zufällig beim Einkaufen, haben uns anschließend mehrmals getroffen, um Anekdoten aus unserer gemeinsamen Zeit auszutauschen: Er war Schüler, ich war der Sozialarbeiter seiner Oberschule. Nico war in den ersten zwei Jahren in viele Konflikte verwickelt, so dass wir nahezu täglich miteinander zu tun hatten.
Ich berichtete ihm von meiner jetzigen Arbeit, von SELAM-Berlin und u.a. das wir aktiv Mobbing an Berliner Schulen bekämpfen.
Nico war früher ein sog. „Mobber“.
Nico erzählte mir von einer seiner Missetaten aus der Grundschulzeit.
Sein „Opfer“ hieß „Ali“ (Name geändert):
Montag früh in der Schulklasse – kurz vor 8 Uhr – irgendwann in 2005:

„Hallo Ali, na hast du am Wochenende ein paar Besuche und Anrufe bekommen?» Alle lachen. «Ihr wart das. Etwa hundert Leute haben bei uns angerufen und sind vorbeigekommen!“ Ali schluckte und wurde rot im Gesicht. Gerade wurde Ihm bewusst, dass Dennis, Lukas (Namen geändert) und Nico ihm wieder einen Streich gespielt haben.
Sie haben ein kostenloses Zeitungsinserat aufgegeben („Kijiji“ bzw. Ebay-Kleinanzeigen kamen später): „Wohnungsauflösung – alles kostenlos abzugeben!“ + Telefonnummer und Adresse).

War das ein lustiger Streich? Oder bereits Mobbing?

Nico gibt zu, dass es In diesem Fall Mobbing war.
“Wir haben uns häufig auf der Hofpause geprügelt, aber das war kein Mobbing! Mobbing war es, weil wir Ali ständig verarscht haben. Wir – also bestimmt die halbe Klasse – haben unsere Augen verdreht und verdrehten, wenn er sich im Unterricht meldete und eine von seinen „schlauen“ Antworten gab.
Es war Mobbing, weil wir viele und Ali alleine waren.
Es war Mobbing war, weil er immer das Opfer war, weil wir ihm unmissverständlich und immer wieder deutlich machten: Keiner kann dich leiden! Und wir werden dich nicht in Ruhe lassen, egal was du tust!

Es war Mobbing, weil Ali uns nie etwas getan hatte. Er hatte nicht den Hauch einer  Chance, uns auszuweichen oder sich zu wehren.
Egal was er tat, wir fanden immer Gründe, ihn weiter fertigzumachen.
Im Nachhinein finde ich, war das Übelste, dass wir es immer geschafft haben, die Erwachsenen auf unsere Seite zu ziehen. Wir überzeugten sie, dass unsere Aktionen gerechtfertigt waren und Ali es nicht anders verdient hatte.

Während der gesamten Zeit an der Grundschule, hatten kein einziges Mal Eltern oder Lehrer klar Stellung gegen unsere Taten bezogen. In der vierten Klasse kam Alis Mutter zwei oder drei Mal vorbei, um mit unserer Lehrerin zu sprechen. Unsere Lehrerin führte danach jeweils ein Gespräch mit uns. Ich weiß noch genau, dass sie uns viel Verständnis entgegenbrachte. Sie war auch der Meinung, dass Ali schwierig sei und sie es verstünde, dass wir teilweise so reagierten. Sie bezeichnete unsere Streiche als nicht so schlimm. Ali sei einfach sehr sensibel.
Sie bat uns damit aufzuhören, denn Alis Mutter käme ständig in die Schule.
Wir hatten verstanden: Ali hatte es eigentlich verdient, aber wir sollten es auf eine Art und Weise tun, die die Lehrerin weniger stört.

Irgendwann kam Alis Mutter nicht mehr in die Schule. Sie hatte gemerkt, dass ihre Schulbesuche nichts brachten und hatte aufgegeben. Ali war nun ganz allein.“

„Das haben wir doch früher auch so gemacht!“

„Wie konnten meine Freunde und ich und so mies sein?
Wir waren eigentlich keine „bösen“ Kinder. Wir waren gut erzogen. Wir waren  grundsätzlich empathisch, hatten ein gesundes Maß an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Wir gingen gerne in die Schule und in unserer Klasse fühlten wir uns wohl. Wir hatten genug Sozialkompetenz, unsere Aktionen so darzustellen, dass Eltern mitgelacht hatten, wenn wir von unseren Streichen erzählten. Unsere Lehrerin hatte Alis Mutter als störend empfunden und sie abgewimmelt.“

Als Sozialarbeiter höre ich sehr oft von ähnlichen Geschichten, obwohl viele Schulen heute stark auf das Thema Mobbing sensibilisiert und aktiv sind.

Während Sie Nicos Erzählung lesen, denken Sie vielleicht: „Das haben wir früher doch auch gemacht.“

Ja, das haben wir. Und es war gemein und falsch!

Betroffene Kinder leiden. Sie verlieren Selbstvertrauen und ihr Selbstwertgefühl sinkt. Im schlimmsten Fall tragen sie das Erlebte ihr ganzes Leben lang mit sich. Sie können psychische Störungen entwickeln und manche Kinder  nehmen sich sogar das Leben.
Nach Unfällen sind Suizide die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe der 15- bis 20-Jährigen. In den vergangenen zehn Jahren nahmen sich nach Angaben der Telefonseelsorge Berlin jedes Jahr in Deutschland mehr als 600 Jugendliche das Leben.

Mobbing verhindern

Mobbing an Schulen betrifft  die gesamte Schulgemeinschaft. Aus diesem Grund müssen alle Akteure, Lehrkräfte, Eltern und SchülerInnen Verantwortung übernehmen und aktiv werden, um Mobbing an der eigenen Schule zu verhindern.

Wir möchten Ihnen im Folgenden die Mechanismen bei Mobbing vorstellen und die Frage beantworten, was uns daran hindert, Verantwortung zu übernehmen – und wie wir uns aus der Hilflosigkeit befreien können.

Nahezu jede SchülerIn  kommt während der  Schulzeit mit Mobbing in Berührung. Davon bekommen wir Erwachsene, also wir Mütter, Väter oder Lehrkräftemeist wenig mit. Auch dann, wenn Kinder von anderen Kindern massiv schikaniert, ausgegrenzt, verprügelt und fertiggemacht werden, passiert es, dass viele Eltern und Lehrkräfte das Problem verkennen.

Nico sagte, es sei Mobbing gewesen, weil Ali niemandem etwas getan habe und sich nicht wehren konnte.

In fast jeder Klasse wird ein Kind gemobbt. Dies bedeutet für Sie als Eltern, dass wahrscheinlich auch Ihr eigenes Kind in irgendeiner Form involviert ist. Für Sie als Lehrkraft, dass auch in Ihrer Klasse vielleicht gemobbt wird.

Heike Blum und Detlef Beck beschreiben in ihrem Buch «No Blame Approach» sechs unterschiedliche Rollen, die in einem Mobbingprozess übernommen werden: Die Mobbingaktionen gehen von den sog. Akteuren aus. Diese holen sich durch ihre Taten Anerkennung und sichern sich eine starke Position in der Klasse. Sie ernten Lacher für ihre Streiche und sorgen in der Klasse für Spannung und Action. Die Assistenten und Verstärker springen auf den Zug auf.

Die Assistenten unterstützen den oder die Täter tatkräftig. Sie führen Ideen aus oder beteiligen sich an den Untaten. Die Verstärker sind nicht aktiv, signalisieren den Akteuren jedoch klar, dass sie auf deren Seite stehen und das Mobbing gutheißen. Die Zuschauer halten sich raus, meist aus Angst, selbst Opfer zu werden. Schließlich gibt es noch die Verteidiger, die zwar zu Beginn versuchen, das von Mobbing betroffene Kind zu schützen. Wenn sie jedoch keine Unterstützung durch andere Kinder oder Erwachsene erhalten – werden sie oft zu Erduldern, die das Mobbing als falsch empfinden, sich aber nicht mehr dagegen zur Wehr setzen.
Der oder die von Mobbing Betroffene wird gedemütigt, erniedrigt und misshandelt.

Bei Mobbing handelt es ich um einen gruppendynamischen Prozess, bei der Kinder mit der Zeit bestimmte Rollen einnehmen. Mobbing kann man nur beenden, wenn man die Dynamik durchbricht.
Wer der Meinung ist, bei Mobbing handele es  um eine Auseinandersetzung zwischen „Täter(n)“ und „Opfer“, verkennt das eigentliche Problem und setzt am falschen Punkt an:
Ein Konflikt oder Streit hat meist einen bestimmten Auslöser. Meist leiden beide Konfliktparteien darunter und sind froh, wenn sie ihre  Auseinandersetzung beigelegen können.
Mobbing entwickelt sich aber oft schleichend und nimmt langsam Fahrt auf. Meist sind sich alle Beteiligten lange Zeit nicht bewusst, was eigentlich gerade geschieht. Nach und nach wachsen sie in ihre Rolle hinein und gewöhnen sich daran, dass Gemeinheiten nach und nach häufiger werden und ihre Intensität zunimmt. Wenn betroffene Kindern reagieren und sich zur Wehr setzen, wird ihr Handeln als Rechtfertigung für weitere eigene Aktionen herangezogen. Dabei nehmen sie das Ausmaß des Leids des gemobbten Kindes nicht  mehr wahr. Der eigene Anteil beim Mobbing wird verdrängt oder kleingeredet.

Während meiner Arbeit begegne ich im Zusammenhang mit Mobbing häufig dem Wort „nur“.  „Wir haben doch nur …“ – „ein Kind hat doch nur …“ –  „Es sind doch nur Kinder!“

Das gesamte Ausmaß erkennen wir erst, wenn wir „nur“ durch „und“ ersetzten:
„Wir haben ihm die Klamotten versteckt und wir haben ihn bei der falschen Antwort im Matheunterrricht ausgelacht und ihn beim Fussball ausgeschlossen und ihm gesagt, dass er ein Stinker sei, und alles  „desinfiziert“, mit dem er in Berührung gekommen ist, und – ihm durch all das zu verstehen gegeben, dass wir ihn nicht wollen, dass er verschwinden soll.

Mobbing ist ein Ungeheuer, dass von der Gruppe beschworen wird und sich von  niemanden mehr alleine bändigen lässt.

Im Gegensatz zu einem Konflikt zielt Mobbing darauf ab, einen anderen fertigzumachen, sein Leben zu vergiften, ihn auszugrenzen. Mobbing ist ein Gruppenphänomen, das durch ein extremes Machtungleichgewicht zwischen den Mobbern und ihrem Opfer gekennzeichnet ist. Der Betroffene wird dabei wiederholt und systematisch von einer Gruppe gequält, erniedrigt, ausgeschlossen und attackiert, ohne die Möglichkeit zu haben, sich aus seiner Lage zu befreien.

Der Betroffene beginnt sich in dieser Situation zu verändern. Manche ziehen sich zurück, wirken still, ängstlich und apathisch. Andere werden aggressiv, ihre Frustrationstoleranz sinkt, sie entwickeln  eine „dünne Haut“ und explodieren.
Er beginnt „komisch“ und „seltsam“ zu wirken. Es scheint, dass er das Mobbing durch sein eigenes Verhalten auf sich zu ziehen.

Das betroffene Kind braucht unbedingt Hilfe von außen.
Es braucht Erwachsene, die hinsehen, zu hören und erkennen, was gerade vorgeht. Es braucht Erwachsene, die sich klar gegen das Mobbing positionieren und das betroffene Kind schützen.
Es braucht Erwachsene, die genau wissen, was sie tun müssen, um das Mobbing zu beenden und dem betroffenen Kind zu helfen.
Es braucht Erwachsene, die mit dem betroffenen Kind eine Lösung entwickeln. Jedoch können uns Erwachsene ungünstige Einstellungen, eigene Ängste, Unsicherheiten und Unwissenheit daran hindern.

„Naja, er ist ja auch nicht ganz unschuldig…“

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie sich in einzelnen Sätzen, die gleich folgen, wiedererkennen. Dann braucht es Mut und Offenheit, um sich kritisch mit den eigenen Ansichten und der eigenen Haltung ehrlich auseinanderzusetzen.
Wir können Mobbing nur begegnen, wenn wir erkennen, welchen Anteil wir selbst daran haben.

Dabei steht nicht die Schulfrage im Vordergrund, sondern die Eigenverantwortung, die wir Erwachsenen übernehmen müssen, um nicht unbewusst Mobbingprozesse zu unterstützen.
Natürlich kommt es vor, dass das Opfer durch das eigene Verhalten den Ärger anderer Kinder auf sich zieht. Vielleicht ist es besonders strebsam, vielleicht kleidet sich anders als die anderen, hat eine seltsame Art, sich auszudrücken, oder es kann soziale Signale nicht richtig einordnen. Das ist alles gut möglich.
Wichtig ist, dass das betroffene Kind nach einer Intervention in der Klasse, durch  Eltern und Lehrkräfte  dabei unterstützt werden sollte, am eigenen Verhalten zu arbeiten. Sie müssen ihm einen sicheren Rahmen schaffen, damit es dann das neue Verhalten ausprobieren und die Klasse anschließend das neue Verhalten positiv aufnehmen kann.
Zumeist handelt es sich beim scheinbar problematischen Verhalten des gemobbten Kindes lediglich um eine Reaktion auf die Quälereien seiner Peiniger.

„Du musst dich halt wehren!“

Sätze wie „Du musst dich halt wehren!“, „Er ist ja auch nicht ganz unschuldig“ oder „Sie provoziert ja auch“ liefern lediglich eine Begründung, um selbst nicht aktiv werden zu müssen.
„Das Opfer müsste nur an sich arbeiten und sich anders verhalten, dann würde das Mobbing aufhören.“ Auf dies Weise vermitteln manche Lehrkräfte oder Eltern unbewusst folgende Botschaft: „Das gemobbte Kind ist selbst schuld. Es hat deswegen das Mobbing als gerechte Strafe verdient und von mir keine Hilfe zu erwarten.“
Damit lassen wir das gemobbte Kind in einer Situation alleine, die es nur mit entschlossener Hilfe von außen bewältigen kann.

Es passiert oft, dass gemobbte Kinder diese Einstellung dann übernehmen und glauben, dass sie es nicht anders verdient hätten. Sie lernen Mobbing als ihr Schicksal zu akzeptiere.

Leider reagieren Eltern von Kindern, die gemobbt werden, oft mit Vorschlägen, die sich wie Vorwürfe anhören:

„Warum lässt du es dir auch gefallen, wehr dich doch einfach!»  «Warum hast du das deinem Lehrer nicht erzählt!?»  «Hau dem doch einfach mal eine runter, dann hört der schon auf!»

 

Es ist naiv zu glauben, dass hinter jedem Mobber ein Feigling steckt und dieser gleich aufhören wird, wenn das Opfer sich zur Wehr setzt.

Tatsächlich hat das Opfer, sofern sich das Mobbing verfestigt hat, kaum Möglichkeiten das Mobbing aus eigenem Antrieb zu beenden.
Wenn es Hilfe sucht, wird es als „Petze“, läuft es weg, als Feigling, beschimpft. Wenn es versucht sich anzupassen und freundlich zu sein, gilt es als Schleimer und wehrt es sich, gilt es als „aggressiv“.

Wenn dann auch noch die eigenen Eltern dem Kind das Gefühl vermitteln, sie halten es für ein Schwächling und seine Situation nicht nachvollziehen können, vereinsamt es im Kreis der eigenen Familie.
Manche Kinder schämen sich, dass sie die Vorschläge der Eltern nicht umsetzen können, und verheimlichen in der Folge das Mobbing.

„Du hast nicht das Recht, gleich zuzuschlagen!“

Manche Kinder wehren, wenn sie gemobbt werde. Dann fällt es geschickten Akteuren leicht, dies auszunutzen und so lange und subtil auf den wunden Punkten des betroffenen Kindes herumzuhacken, bis dieses explodiert und sich wehrt.
Oft beobachtet die Lehrkraft nur diese heftige Reaktion. Wenn das Kind, das über lange Zeit hinweg drangsaliert wurde, schließlich zu schlägt, hat es etwas getan, das aus Sicht der Lehrkraft sanktioniert werden muss. Rechtfertigungen des betroffenen Kindes werden oft mit dem Satz „Du musst dich halt mit Worten wehren“ oder „du hast nicht das Recht, gleich zuzuschlagen“ entgegnet.
Für betroffene Kinder liegen ziemlich viele Gründe, zuzuschlagen – insbesondere dann, wenn ihm niemand zuhört, keiner hinsieht und erkennen will, was wirklich los ist.

Manche Eltern und Lehrkräfte reagieren nicht, weil sie befürchten, das Mobbing könnte sich verstärken. Eltern befürchten, dass Lehrkräfte sie als Nervensägen empfinden könnten. Lehrkräfte fühlen sich unsicher, weil sie nicht wissen, wie sie das Thema aufgreifen sollen.

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Die Aussage des Philosophen und Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ gilt im Falle von Mobbing ganz besonders. Wenn auf das Mobbing keine Reaktion erfolgt, wird es von den Mobbingakteuren als Duldung oder gar als Akzeptanz wahrgenommen. „Würde es sich um ein falsches Verhalten handeln, würden doch die Lehrer eingreifen.“  Der Rest der Klasse und insbesondere das Mobbingopfer lernen, das die Schule keinen Schutz gegen Mobbing bietet.

Ich wurde persönlich mit der Aussage einer Schulleiterin, sie könne nichts machen, der Schulweg falle nicht in den Zuständigkeitsbereich der Schule, konfrontiert.  Eine besorgte Mutter hat sich an sie gewandt und um Hilfe gebeten, weil ihr Sohn mehrfach morgens auf dem Schulweg von einer Schülergruppe verprügelt wurde.   .  Ich überspitze den Satz, mit der die Schulleiterin sich aus der Verantwortung stahl: „Liebe Gewaltausüber/Mobber, hinter dem Schultor endet das Schulgelände. Wenn ihr jemanden quälen wollt, dann bitte außerhalb des Tores. Dann müssen wir uns nicht darum kümmern.“

Eine Mutter, die in meine Sprechstunde kam, berichtete mir, dass sie mehrfach mit der Klassenlehrerin ihres Sohnes gesprochen habe, weil dieser regelmäßig von zwei anderen Jungen zusammengeschlagen wurde. Von Seiten der  Lehrerin sei nichts unternommen worden. Auf meine Frage, was sie als Nächstes tun werde, zuckte die Mutter mit den Achseln und sagte, dass sie doch schon alles versucht habe – ihr Sohn müsse nun mal zur Schule. „Vielleicht sollte ich ihn an eine andere Schule schicken.“

Stellen Sie sich vor, Ihre Partnerin oder Ihr Partner würde regelmäßig von zwei großen, starken Kollegen bei der Arbeit verprügelt werden und käme mit blauen Flecken nach Hause.  Würden Sie in so einer Situation sagen, dass Sie da leider nicht viel machen könnten – Sie hätten zwar mehrfach mit dem Vorgesetzten gesprochen aber die Familie bräuchte das Geld.

Warum nehmen wir bei Kindern etwas hin, womit wir keinen Erwachsenen alleine lassen würden?

Meine persönliche Erfahrung in der Antimobbing-Arbeit hat mich gelehrt, Eltern von Mobbingakteuren bei Interventionen  nicht einzubinden. Meist verschlimmert dies die Situation des gemobbten Kindes. Die allermeisten Eltern können sich nicht vorstellen, dass ihr kleiner Schatz zu solchen gemeinen Taten fähig ist, und weisen bereits den Gedanken daran entrüstet von sich oder suchen wiederum automatisch die Schuld beim „Opfer“.

Auch wohl erzogene, nette Kinder aus behütetem Elternhaus können ein aktiver Teil einer Mobbingdynamik werden. Wenn Eltern genauer hinschauen würden, mit ihrem Kind über Mobbing reden und mit ihm überlegen, wie es diese Rolle verlassen kann,  wird aus ihrem Kind nicht gleich ein schlechten Menschen. Vielmehr macht es Sie zu eine verantwortungsvollen Eltern.

Kinder verbringen einen großen Teil ihres Lebens in der Schule. Wie sie sich in der Klasse fühlen, ob sie sich von ihren KlassenkamaradInnen akzeptiert fühlen, bestimmt zu einem großen Teil, welchen Wert sie sich als Mensch zuschreiben. Wir Erwachsenen können  uns unsere Bezugspersonen selbst aussuchen. Dies trifft auf Kinder nicht zu, da die Schule für sie einen Zwangskontext  darstellt.

Wie lautet also das Fazit? 

In der Antimobbing-Arbeit  ist Verantwortungsübernahme wichtig. Die Schuldfrage zu stellen, bringt uns nicht weiter.

Es ist wichtig, betroffene Kinder ernst nehmen und Vorfälle nicht bagatellisieren. Wir müssen lernen, unsere Sinne zu schärfen, um Mobbing frühzeitig zu erkennen und von Konflikten oder Streit zu unterscheiden. Wir müssen uns aktiv dafür einsetzen, dass sich jedes Kind in der Schule sicher und wohl fühlt. Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Mobbing ein Gruppenphänomen ist und daher auch auf Gruppenebene gelöst werden muss. Dabei müssen wir gemeinsam mit den Kindern Lösungen entwickeln, ohne jemanden zu verurteilen.

An wen kann ich mich wenden?

Mobbing ist ein Gruppenphänomen. Deshalb ist eine Lösung in der Gemeinschaft zu suchen. Ansprechpartner ist daher die Schule.

SELAM-Berlin unterstützt Schulen beim Aufbau und Verstetigung ihrer eigenen Antimobbing-Arbeit.
Wir qualifizieren schulisches Personal zur Durchführung von präventiven Antimobbing-Workshops für Schulklassen.
Auf der Ebene der Organisationsentwicklung unterstützen wir Schulen beim Aufbau und Etablierung eines eigenen Mobbing-Interventionsteams als Teil des schulischen Konfliktmanagementkonzeptes.

Mit SELAM-Berlin haben sie erfahrene Experten an Ihrer Seite bei Ihrer Antimobbing-Arbeit.

Kontakt:        info@selam.berlin             oder             0176 34939044

Aktiv gegen Mobbing

Fast jede Schule ist von Mobbing betroffen. Mobbing findet meist im Verborgenen statt. Betroffene Kinder leiden oftmals über lange Zeit hinweg im Stillen unter der Ausgrenzung, den Streichen und Übergriffen der Mobbingakteure. Aus Angst vor der Rache der Peiniger oder als Petze zu gelten, vertrauen sie sich niemandem an.

Es gibt keine 100-%igen Anzeichen, bei deren auftreten mit Sicherheit auf Mobbing zu schließen ist. Eltern und PädagogInnen sollten jedoch genauer hinsehen, wenn sie mehrere der folgenden Anzeichen bemerken:

Seien Sie als Elternteil besonders aufmerksam, wenn Ihr Kind…

  • kaum noch von der Schule – insbesondere nicht von KlassenkameradInnen – erzählt
  • kaum noch von KlassenkameradInnen eingeladen wird und sich auch selbst kaum mehr mit anderen Kindern verabredet
  • ausweichend reagiert, wenn Sie es auf die anderen Kinder ansprechen
  • bedrückt, ängstlich oder weinerlich wirkt, wenn es in die Schule gehen muss
  • sich häufig über Kopf- oder Bauchschmerzen beklagt und vorgibt, deshalb nicht zur Schule gehen zu können
  • immer häufiger Kratzer oder blaue Flecken aufweist
  • oft vorgibt, persönliche Gegenstände verloren zu haben bzw. beschädigte Gegenstände oder Kleidungsstücke nach Hause bringt und dafür fadenscheinige Gründe nennt
  • plötzlich schlechtere Schulleistungen zeigt
  • unter Schlafproblemen leidet

Seien Sie als PädagogIn besonders aufmerksam, wenn der junge Mensch…

  • ängstlich und unsicher oder aggressiv im Umgang mit anderen Kindern ist
  • von MitschülerInnen mit gemeinen Spitznamen versehen wird
  • ständig in Konflikte verwickelt ist
  • oft nach persönlichen Gegenständen suchen oder seine Bekleidungsstücke vom Boden auflesen muss
  • bei Mannschaftsaktivitäten jeweils als Letztes gewählt wird
  • übrig bleibt, wenn die SchülerInnen Gruppen selbst zusammenstellen können
  • in der Hofpause im Klassenzimmer bleiben will, sich versteckt oder auf dem Pausenhof isoliert ist
  • häufig krank ist
  • häufig zu spät kommt (weil es anderen MitschülerInnen nicht begegnen will)

verfasst von Mesut Göre

Keine Gewalt an Grundschulen!

Gewaltprävention an einer Grundschule? Ist dieses Thema schon in so jungen Jahren relevant? Ja, das ist es! Dies wurde den Teilnehmenden des Gewaltpräventions-Workshops an der Spreewald Grundschule in Berlin Kreuzberg deutlich.

Im Rahmen meines Lehramtsstudiums an der Uni Potsdam nutzte ich die Gelegenheit bei Selam Berlin ein 2-wöchiges Praktikum zu absolvieren und bei dem Workshop zu assistieren. Auch außerhalb meiner Vorlesungen beschäftigt mich das Thema Gewalt an Schulen. In den Medien ist es sehr präsent und auch während meines einjährigen Bundesfreiwilligendienstes an einer Berliner Schule vor zwei Jahren gab es hin und wieder gewalthaltige Situationen, für deren Lösung ich hinzugezogen wurde. Daher freute ich mich sehr, am Gewaltpräventions-Workshop von Selam teilzunehmen und neue Wege zur Konfliktlösung zu lernen. Weiterlesen