Selbstmord wegen Mobbing

Ich bin erschüttert über den Selbstmord einer elfjährigen Schülerin aus Reinickendorf. Der Tod dieses jungen Menschen machte mich sprachlos.
Warum ist es dazu gekommen?
Hätte es verhindert werden können?
Wer ist schuld? Das waren die ersten Fragen, die mir – wie vielen anderen Menschen auch – in den Sinn gekommen sind.
Wie müssen sich die bedauernswerten Angehörigen diese Mädchens fühlen? Fassungslos, hilflos, ohnmächtig, wütend, traurig?
Meine Gedanken sind nun bei Ihnen und ich möchte ihnen mein aufrichtiges Beileid und meine allerherzlichste Anteilnahme bekunden.
Was ist mit den MitschülerInnen, FreundInnen, den Lehrkräften und Erziehenden ihrer Schule?
Mit großer Anteilnahme begleiten meine Gedanken die Schulgemeinde der Hausotter-Grundschule in Reinickendorf in diesen schweren Stunden.

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In den Medien wird Mobbing als Ursache genannt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in diese Richtung.
Da ich beruflich mit dem Thema „Mobbing“ im Allgemeinen und mit „Mobbing in der Schule“ im Speziellen zu tun habe, habe ich die Berichterstattung zum dem tragischen Vorfall mit Interesse verfolgt.

Mir ist aufgefallen, dass sich viele zu Wort gemeldet und Empfehlungen im Umgang mit Mobbing geäußert haben. Jedoch sind einige gutgemeinte Empfehlungen dabei, die nicht zielführend bzw. im negativen Fall kontraproduktiv sind.
Dazu zähle ich z.B. die Nennung von schulischen Konfliktlotsinnen, das demokratiepädagogische Instrument Klassenrat bzw. Thematisierung von Mobbing im Klassenverbund in Zusammenhang mit der Intervention bei Mobbing.
Auch sollte die vorschnelle Beurteilung des Sachverhaltes bzw. die Nennung und „Verurteilung“ von möglichen Schuldigen unterlassen werden, bevor die Ermittlungsbehörden ihr Ergebnis bekanntgeben.

Richtig ist, dass der Kampf gegen Mobbing in der Verantwortung der Institution liegt.
Mobbing an Schulen betrifft  die gesamte Schulgemeinschaft. Aus diesem Grund müssen auch alle Akteure – Schulleitung, pädagogisches Personal, Eltern und SchülerInnen Verantwortung übernehmen und aktiv werden, um Mobbing an der eigenen Schule zu verhindern.
In der Antimobbing-Arbeit ist Verantwortungsübernahme wichtig. Die Schuldfrage zu stellen, bringt uns nicht weiter.

Um Mobbing effektiv zu begegnen, müssen Schulen auf drei unterschiedlichen Ebenen – und zwar gleichwertig – aktiv werden: Prävention, Intervention und Rehabilitation.

Die Präventionsarbeit gegen Mobbing muss die gesamte Schulgemeinschaft berücksichtigen. Dazu zählen u.a. die Überprüfung der eigenen Haltung gegenüber dieser Gewaltform, das Wissen über Mobbing, die Sensibilisierung für das Phänomen und das Kennen unterschiedlicher Unterstützungsmöglichkeiten und Strategien, um Mobbing zeitnah zu beenden und Mobbingbetroffenen effektiv zu helfen. Dies kann den PädagogInnen mittels Fort- und Weiterbildungen im Rahmen von Studientagen oder Seminaren, Eltern im Rahmen von Informationsveranstaltungen vermittelt werden. Im Rahmen des Sozialen Lernens müssen SchülerInnen in ihrer Wahrnehmung und Empathiefähigkeit für ihre Mitmenschen gefördert werden. Ihre Zivilcourage muss gestärkt werden, damit Sie lernen, sich für Schwächere einzusetzen, ohne sich selbst zu gefährden. Das sind nur einige Beispiele.
Experten für Gewaltprävention empfehlen die Implementierung von aufeinander aufbauenden bzw. sich verzahnenden Präventionsketten.
Externe Fachkräfte können die schulische Präventionsarbeit gezielt unterstützen.

Unter Rehabilitation werden alle Möglichkeiten der Aufarbeitung der Folgen von Mobbing bei den beteiligten Personen – der Verursacher und der Betroffenen – genannt. Dazu zählen Schlichtungs-und Ausgleichgespräche, Verfahren zur Schadenswiedergutmachung und Versöhnung und Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Betroffenen und Verursachern.
Diese Aufgabenbereiche fallen in die Zuständigkeit der Schulsozialarbeit, SchulmediatorInnen oder KonfliktlotsInnen.

Die Intervention zielt auf die zeitnahe Beendigung eines Mobbinggeschehens. An dieser Stelle werden die meisten Fehler gemacht. Sehr häufig wird auf Strategien zurückgegriffen, die zur Lösung von herkömmlichen Konflikten oder Streitigkeiten dienen.
Es gibt zwei erprobte und wirksame Mobbinginterventionsstrategien:
1. No-Blame-Approach
2. Farsta-Methode

Die Intervention unter Zuhilfenahme einer dieser Methoden fällt in die Verantwortung des pädagogischen Personals einer Schule.
Auf der Ebene der Organisationsentwicklung empfehlen wir jeder Schule ein eigenes Mobbing-Interventionsteams als Teil des schulischen Konfliktmanagementkonzeptes aufzubauen und zu implementieren. Interessierte Lehrkräfte werden besonders geschult (Mobbing-Interventionsteam), um im Fall von akuten Mobbing umgehend und wirkungsvoll zu intervenieren und das Mobbing zu beenden.
Ein schuleigenes Mobbing-Interventionsteam ermächtigt die Schule, unabhängig von Fremdressourcen zeitnah zu agieren. Es erhöht ihre Selbstwirksamkeit und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des Schulklimas.
Diese Team kann jedoch nur aktiv arbeiten, wenn es mit personellen und zeitlichen Ressourcen ausgestattet wird.
Hier fällt den übergeordneten Bildungsverantwortlichen die Verantwortung zu.

Mesut Göre, Antigewalttrainer