Schluss damit – Rote Karte für Mobbing!

Mobbing und Gewalttaten rund um Schulen werden offensiver bekämpft

von Anja Jönsson und Anke Templiner

„Das Kleid sieht super aus, aber nicht an dir!“ „Achtung, es stinkt!“ „Was hast du denn da am Kopf, das sieht behindert aus.“ Solche und noch ganz andere Dinge werfen Schülern ihren Mitschülern an den Kopf. Eine Situation, die überall auftritt, auch in Reinickendorf. Aber der Bezirk stellt sich dem Thema.Anfang September lockte der Anti-Mobbing- und Anti-Gewalt-Trainer Carsten Stahl mehr als 150 Besucher ins Fontane-Haus im Märkischen Viertel. Eingeladen hatte die SPD, um mit Carsten Stahl das Thema Mobbing zu diskutieren. Carsten Stahl ist wegen seiner gewalttätigen Vergangenheit und seiner starken  körperlichen Präsenz nicht unumstritten, aber populär. Vielen ist er durch die Doku-Soap „Stahl:hart gegen Mobbing“ bekannt. Mit bundesweiten Kampagnen setzt er sich gegen Mobbing an Schulen ein. Und Stahl weiß, wovon er spricht: Vom Gemobbten wurde er selbst zum Täter, um sich heute engagiert gegen Gewalt und Mobbing einzusetzen. Wenige Tage nach der Veranstaltung im Fontane-Haus machte er bei der „Anti-Mobbing-Woche“ gemeinsam mit dem Marktbetreiber Michael Lind vom „nahkauf“ auf das Thema aufmerksam. Dabei wurden Anlaufstellen für Schüler, Lehrer und Eltern vorgestellt. Bundesweit unterstützen die rund 420 nahkauf-Märkte die Aktion „Stoppt Mobbing!“ mit einem Plakat, um zu sensibilisieren. Michael Lind setzt sich zudem dafür ein, dass Mobbing an Berliner Schulen stärker thematisiert wird. „Im Oktober veranstalten wir gemeinsam mit der Otfried-Preußler-Grundschule in Berlin-Heiligensee einen ganztägigen Kurs für alle 5. und 6. Klassen.“ Eine von vielen Aktionen in Reinickendorf.

Zur Statistik: Im Schuljahr 2015/2016 wurde in Berlin eine Zunahme von Straftaten rund um Schulen verzeichnet, für das darauffolgende Jahr stiegen die Zahlen noch einmal. Reinickendorf fiel dabei auf, denn von einem mittleren Platz in diesem unrühmlichen Ranking stieg der Bezirk für das Schuljahr 2016/2017 auf Platz drei. Reinickendorf verzeichnete einen Anstieg der Fallzahlen um knapp 33 Prozent (Quelle: Polizeiliche, Kriminalstatistik (PKS) Berlin 2017).

Bei der Betrachtung von Straftaten im Bereich von Schulen muss aber berücksichtigt werden, dass die PKS nicht erfasst, ob eine Straftat im Umfeld einer Schule oder auf dem Weg dorthin erfolgte. Für das Schuljahr 2016/17 wurden in Reinickendorf insgesamt 529 Delikte verzeichnet, davon 169 sogenannte Rohheitsdelikte; unter diesen Begriff fallen Körperverletzungs-, Raub- und Freiheitsdelikte. Beleidigungen fallen nicht darunter. Die Fallzahlen von Beleidigungen (343 in ganz Berlin) dürften weitaus höher sein, als offiziell verzeichnet. Denn laut Umfrage der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport an Berliner Schulen vom Halbjahr 2016/17 wurden für das vorherige Schule 50 Mobbing-Vorfälle gezählt. Die Pisa-Studie von 2017 lässt allerdings den Rückschluss zu, dass die Dunkelziffer höher liegt. In Deutschland wird laut der Studie jeder sechste Schüler gemobbt. Bezogen auf Berlin könnte es hier also rund 50.000 Opfer geben. Dass Mobbing-Opfer häufig schweigen, weiß auch Walter Taglieber vom Verein Contigo in Tegel, der Schulen im Kampf gegen Mobbing unterstützt. Betroffene Kinder wollen die Eltern nicht beunruhigen, sagt Taglieber, oder sie befürchten, sie könnten als Petze dastehen, das sei die größte Angst.

Schulen werden sensibler 

Was bedeutet Mobbing? Der Unterschied zwischen einer einfachen Streiterei und Mobbing ist eine Frage des Machtgefälles. Mobbing bezieht sich auf einseitige Aggression und ist willkürlich. Der stärkere Täter steht einem schwächeren Opfer gegenüber. Mobbing ist keine Einzeltat, viele Attacken über einen längeren Zeitraum erfüllen den Tatbestand.

Der Bezirk tut etwas: Seit drei Jahren gibt es Krisen- und Präventionsteams verpflichtend an allen Reinickendorfer Schulen. Sie setzen sich aus einem Mitglied der Schulleitung, pädagogischen und nichtpädagogischen Mitarbeitern zusammen. Ziel ist neben der Vorbereitung auf mögliche Gewalt- und Krisenereignisse – die Weiterentwicklung der präventiven Arbeit im Rahmen des Schulprogrammes. Das Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) gehört zur Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Familie, die Außenstelle Reinickendorf befindet sich in der Nimrodstraße. Dort arbeiten Schulpsychologen, die sich mit Mobbing auskennen. Das SIBUZ ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Eltern, Schüler und Lehrer.

„Die Schulen in Reinickendorf sind offener geworden, Gewaltfälle zu melden“, sagt Reimer Siemsen, Koordinator für schulische Prävention beim SIBUZ in Reinickendorf. Vor der drei Jahren sei allen Schulen von seiner Seite das Angebot gemacht worden, am Gewaltpräventionsprogramm „Fairplayer“ teilzunehmen. Das Programm wurde unter Leitung von Professor Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin entwickelt. Die Fair-Player-Schulungen richten sich an Lehrer aller Schultypen  an. In Workshops werden die Lehrer von ausgebildeten Fairplayer -Teamern zu sogenannten Multiplikatoren geschult. Als solche geben sie das Fairplayer-Prinzip an Schüler und Kollegen weiter, die kein Training besucht haben. „Über 60 Prozent der Reinickendorfer Schulen haben das Programm durchlaufen und an ihren Schulen installiert“, freut sich Siemsen.

Eine Schule im Bezirk, die engagiert Anti-Mobbing-Arbeit betreibt, ist die Bettina-von- Arnim-Schule. Dort arbeitet der Sozialarbeiter Werner Colberg, der seit seit Ende 2012 die Arbeitsgruppe „Cyber-Mobbing ist nicht cool“ mitbetreut. Sie besteht aus Vertretern der Elternschaft, der Schülerschaft, der Lehrerschaft einschließlich Sozialpädagogen und der Schulleitung. Ziel ist, das Thema Respekt im Netz in die Klassen- und Schulordnung und in das Schulprogramm und das Leitbild der Schule zu integrieren. Fachlich unterstützt wird die Projektgruppe vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM). Durch Unterstützung des LISUM kann Colberg seit 2017 außerdem eine Gruppe von rund zehn Schülern der 8. und 9. Klassen zu „Digitalen Helden“ ausbilden. Dabei lernen Schüler, wie sie Mobbing erkennen, bewerten und lösen. Sie sensibilisieren jüngere Schüler und Eltern, entwickeln Regeln für den WhatsApp-Klassenchat und entlasten mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit häufig überlastete Lehrkräfte.

Lehrer erfahren Mobbing

Dass gerade das Internet und Smartphones dem Mobbing Tor und Tür öffnet weiß  auch Mesut Göre, Sozialarbeiter und Geschäftsführer von SELAM-Berlin, einem gemeinnützigen Unternehmen in Reinickendorf-West, das sich in den Bereichen der Jugendhilfe, der Erziehung und Bildung und in der Kriminalprävention engagiert. „Da nun das Mobben auch außerhalb der schulischen Grenzen und Kontrollmöglichkeiten geschehen kann, ist das Erkennen von Mobbing und anschließende Intervenieren schwieriger geworden.“ Auch Göre kann bestätigen, dass die Schulen sich offensiver der Problematik stellen.

Die Anforderungen an die Schulen und Lehrer wachsen, die personelle Ausstattung wächst nicht. Von Lehrern wird erwartet, dass Kinder in den Schulen das soziale Miteinander lernen. Es geht aber soweit, dass auch Lehrer vermehrt Gewalt und Mobbing ausgesetzt sind. Gemäß einer bundesweiten Repräsentativbefragung unter deutschen Schulen (forsa, Februar 2018) geben fast die Hälfte der Schulleitungen (48 Prozent) an, dass es an Schulen in den letzten fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt (Beleidigungen, Mobbing) gab. Ihrerseits Beleidigungen ausgesetzt, sollen sie neben Vermittlung des Unterrichtsstoffes auch in Konflikten vermitteln. Eine spezielle Ausbildung dafür fehlt jedoch.

Mesut Göre gibt zu bedenken, dass zu wenig Pädagogen in der Lage seien, mit wirkungsvollen Methoden Mobbing zu beenden. „Dabei sehe ich die Verantwortung weniger bei den Schulen. Schulische Gewaltprävention  im Allgemeinen und Antimobbing-Arbeit im Speziellen gehört in die Ausbildung von Lehrkräften. Das fehlt. Schulen sind häufig auf externe Kooperationspartner angewiesen, wenn sie in ihren Klassen Mobbing haben. Es gibt aber nicht so viele Antimobbing-Experten, die dann die Schulen mit Rat und Tat zeitnah unterstützen können. Vielen Schulen fehlen auch die finanziellen Ressourcen, um sich Experten zu leisten.“ Natürlich gebe es kompetente Ansprechpartner in den bezirklichen schulpsychologischen Zentren. Jedoch sei ihre Zahl, gemessen an der Menge von Gewaltvorfällen und der hohen Zahl an Schulen sehr gering.

„Unsere Lehrer müssen mutiger werden“

Die RAZ im Gespräch mit Walter Taglieber vom Verein Contigo e.V. in Tegel

Walter Taglieber war von 1971 bis 2015 Lehrer in Berlin. Er ist Vorsitzender und Mitbegründer des in Tegel ansässigen Vereins Contigo – Schule ohne Mobbing e. V.

Sie sind Autor der „Berliner Anti-Mobbing-Fibel“. Was hat Sie dazu veranlasst?

Von 1998 bis 2006 habe ich im LISUM (Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg) die Arbeitsgruppe „pax an! Gewaltfreie Schulkultur“ geleitet. Im Rahmen dieser Tätigkeit sollte ich einen Vortrag für ein Schüler-Konflikt-Lotsentreffen ausarbeiten.  Anfang 2004 gab es einen schlimmen Mobbingfall in Hildesheim. Diesen wollte ich für den Vortrag thematisieren. Bei der Einarbeitung habe ich dann so viel zu dem Thema Mobbing gelesen und erfahren, was ich noch nicht wusste, dass ich daraufhin die Berliner Anti-Mobbing-Fibel geschrieben habe.

Warum haben Sie
Contigo gegründet?

Eine befreundete Journalistin hat die Webseite „mobbing-schluss- damit.de“ gegründet. Gemeinsam mit ihr und zwei befreundeten Kolleginnen habe ich über fünf Jahre auf dieser Seite einen Chat für gemobbte Schüler angeboten . Innerhalb dieser Zeit haben wir die Sorgen und Nöte der Kinder entgegengenommen. Da haben wir gemerkt, dass sich die Kinder von der Schule verlassen fühlen. Die Schulen und Lehrer haben entweder nichts gemacht, oder sie wussten nicht, was zu tun ist. Aufgrund unserer Erfahrungen haben wir Ende 2012 den Verein gegründet.

Wann sollten Lehrer
hellhörig werden?

Mit Aufmerksamkeit können Lehrer Mobbinghandlungen erkennen. Es wird zum Beispiel gelacht, wenn ein Schüler etwas sagt. Oder es wird sich über dessen Aussehen, Herkunft oder Religion lustig gemacht. Das sind Mobbingsignale. Oder jemand macht in der Schule ein Foto, um ein Kind mit der Aufnahme zu beschämen. Dann kann der Lehrer das Handy an sich nehmen und die Polizei rufen. Lehrer dürfen das Handy nicht auf Bilder untersuchen, aber die Polizei darf das. Das signalisiert, dass Lehrer nicht wegschauen. Die Schule hat immer die Pflicht, das Opfer zu schützen. Lehrer müssen mutiger werden.

Was verfolgt Ihr Verein
für ein Programm?

Es gibt mittlerweile sehr viele Präventionsprogramme. Sie sind alle gut, aber wenn einer trotzdem etwas macht, dann reichen sie nicht aus, denn sie sind alle nicht auf Intervention angelegt. Wir intervenieren, wenn das Mobbing passiert ist. Wir wollen, dass das Mobbing aufhört, bestrafen wollen wir nicht. Dabei verfolgen wir zwei Interventionsmethoden:  den „No Blame Approach“ und die „FarstaContigo“-Methode“. Beiden ist gemeinsam, dass die Opfer in die direkten Interventionen nicht miteinbezogen werden. Denn werden Mobbingvorfälle in der Anwesenheit der Opfer besprochen, besteht die große Gefahr, dass sie erneut Verletzungen durch den Mobbenden ausgesetzt werden.

Das Mobbingopfer sollte also nicht zu einem „klärenden“ Gespräch miteinbezogen werden?

Nein, das kann die Situation für das Opfer verschlimmern. Gerade hier machen Schulen und Lehrer leider viel falsch. Wenn ein Mobbingopfer sich traut, über Vorfälle zu reden, dann muss dem Angreifer jede Möglichkeit genommen werden, erneut auf das Opfer einzuwirken.

Was kann jemand
als Opfer tun?

Betroffene sollten in jedem Fall darüber reden und sich jemandem anvertrauen. Pa­rallel dazu empfehlen wir, ein Mobbing-Tagebuch zu führen. Wenn ich weiß, dass ich nachher alles aufschreibe, was mir angetan wird, wandert mein Bewusstsein in die die linke Gehirnhälfte, wo das Analytische beheimatet ist und ich komme aus dem Gefühl heraus, hilfloses Opfer zu sein. Außerdem wird durch die Sammlung deutlich, welche einzelnen Gemeinheiten mir zugefügt worden sind. Das ist allemal besser als lediglich zu sagen: „Ich werde gemobbt!“

Aus welchen Gründen
wird gemobbt?

Der Antrieb kann ganz unterschiedlich sein: Langeweile, pure Lust, Neid, Überforderung, Sehnsucht nach Entlastung, Sehnsucht nach Macht und Einfluss. Wenn ich mich schwach fühle, suche ich mir jemanden als Tankstelle für mein Ego.

25. September 2018

Quelle: Reinickendorfer Allgemeine