„Mädchen neigen zu subtileren Formen von Gewalt“

Mesut Göre ist Antigewalttrainer. Er will Jugendlichen beibringen, dass sie ihre Ziele ohne Gewalt erreichen können. Aber manchmal stößt er an Grenzen

Interview: Jan Pfaff

taz am wochenende: Herr Göre, Sie arbeiten mit Jugendlichen, die gewalttätig geworden sind. Bei Ihren Antigewalttrainings ist ein zentraler Punkt die Frage nach den Ursachen. Wie ­gehen Sie vor, um herauszufinden, woher die Gewalt kommt?

Mesut Göre: Ich schaue mir mit den jungen Menschen verschiedene Bereiche ihres Lebens an. Ich arbeite etwa seit einigen Wochen mit einem 14-jährigen Jungen, dessen Eltern aus der Türkei eingewandert sind. In der ersten Kennenlernphase versuche ich zunächst, einen Zusammenhang zwischen dem Erziehungsstil der Eltern und der Gewaltanwendung des Jungen zu erkennen. In diesem Fall gehen die Eltern sehr restriktiv mit dem Jungen um und setzen auch körperliche Züchtigung als Erziehungsmittel ein. Damit verlieren sie aber nicht nur das Vertrauen des Kindes, ich kann auch aufgrund der Erfahrungen, die ich bei anderen Trainings gemacht habe, einen Zusammenhang erkennen zu dem gewalttätigen Verhalten des Jungen. Das ist in diesem Fall so, ein Automatismus ist das aber nicht.

In Ihre Arbeit fließen auch wissenschaftliche Erkenntnisse ein …

Ja, das ist mir wichtig. Jeder Schritt, den ich mache, fußt auf wissenschaftlichen Ergebnissen, Theorien und Studien. Und da wissen wir – das ist ziemlich gut belegt –, dass es keinen monokausalen Zusammenhang zwischen erlebter Gewalt und Gewaltausübung gibt. Aber Studien zeigen auch, dass Kinder, die Gewalt erfahren haben, insbesondere von einer Bezugsperson, eher dazu neigen, selbst Gewalt auszuüben.

Welche Bereiche schauen Sie sich noch an?

Der Freundeskreis, die Peergroup, spielt bei Jugendlichen eine herausragende Rolle. Wenn sie sich einer Gruppe zugehörig fühlen, in der Gewalt als Mittel akzeptiert ist, werden sie eher darauf zurückgreifen. Dadurch bekommen sie Anerkennung in der Gruppe und erfahren eine Steigerung des Selbstwertgefühls. Wir versuchen dann Wege zu finden, sich von dieser Gruppe zu distanzieren und neue Freunde zu finden.

Was ist mit den Medien? Gewaltvideos und Computerspiele, insbesondere Ego-Shooter, werden ja oft für Jugendgewalt verantwortlich gemacht.

Wenn ich merke, ein Jugendlicher hat eine große Affinität zu Gewaltvideos oder gewalttätigen Computerspielen, schaue ich genau hin. Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen aber, dass es auch hier keinen monokausalen Zusammenhang zwischen Gewaltkonsum und Gewaltanwendung gibt. Wenn ein exzessiver Gewaltkonsum zusammenkommt mit belastenden Faktoren im Elternhaus, in der Schule oder der Peergroup, verstärkt das aber die Gewaltneigung. Und da versuche ich zu zeigen, wie man eine andere Freizeitbeschäftigung finden kann, auf andere Art und Weise Spaß haben kann.

Ist Gewalt eigentlich männlich?

Eindeutig ist: Männer üben mehr Gewalt aus als Frauen. Frauen sind oft die Opfer. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Unterschiedliche biologische Voraussetzungen – Stichwort: Testosteron – oder aber verschiedene geschlechterspezifische Erwartungen und Sozialisationseinflüsse.

Sie arbeiten aber auch mit prügelnden Mädchen …

Ja, aber der ganz überwiegende Teil sind Jungs. Schlagende Mädchen unterscheiden sich eigentlich nicht groß von schlagenden Jungen. Wenn man im Vorfeld körperlicher Gewalt hinschaut, neigen Mädchen dagegen eher zu subtileren Formen von Gewalt – Ausgrenzen aus der Peergroup, Gerüchte in die Welt setzen, so etwas. Jungs gehen dagegen offener in den Konflikt rein.

Und wie bringt man Gewalttätern dann friedliches Verhalten bei?

Ich mache nur Einzeltrainings, andere Kollegen arbeiten auch in Gruppen. Wir arbeiten viel mit Rollenspielen. Man fragt sich vielleicht: Das ist nur ein Spiel, was soll das bewirken? Aber da werden Gefühle wach, besonders, wenn man Tathergänge nachstellt. Ich mache dann im richtigen Moment einen Rollentausch und sage: „Du hast mir gerade beschrieben, wie dein Opfer auf dem Boden lag und du es getreten hast. Jetzt leg dich mal auf den Boden und überlege dir, wie es dem Opfer dabei geht.“ Das macht man nicht einmal, nicht zweimal, sondern man führt den Täter immer wieder in solche Situationen. Ziel ist es, über einen Perspektivwechsel beim Täter die Fähigkeit zur Empathie für seine Opfer zu entwickeln. Gewalttätern mangelt es an Empathie

Was gibt es außer Rollenspielen?

Ich gehe mit den jungen Menschen zum Beispiel in ein Einkaufszentrum und wir beobachten andere Jugendliche, die sich daneben benehmen. Dann frage ich: „Was macht das mit dir, wenn diese Jungs sich da gerade so aufspielen?“ Außerdem arbeiten wir an Lösungsstrategien. Lernziel ist, den Jungs und Mädchen zu zeigen, dass sie ihre Ziele ohne Gewalt erreichen können. Parallel dazu ist es wichtig, nicht nur das Training, sondern das Leben des jungen Menschen im Blick zu haben.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ich arbeite mit einem Geflüchteten, 19 Jahre alt, der aus dem Iran kommt. Der lebt im Moment in einer Notunterkunft. Da kann ich noch so viel Antigewalttraining mit ihm machen, wenn er keine Perspektive kriegt, keinen sicheren Schlafplatz hat und nicht seinen Schulbesuch fortsetzen kann, wirkt das nicht nachhaltig. Deshalb versuche ich ihm auch da zu helfen.

In Schulen führen Sie auch Präventions-Workshops durch. Wie kann man einem Gewaltopfer helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen?

Zunächst die Situation genau beobachten, damit man sie richtig einschätzen kann. Dann ist es wichtig, Abstand zu dem Gewalttäter zu halten. Aus der Distanz das Opfer fragen, ob es Hilfe braucht. Oder erklären, dass man die Polizei gerufen hat. Die Ansprache immer an das Opfer richten, nicht an den Täter. Sobald ich mit dem Täter ins Gespräch komme, werde ich Teil des Konflikts. Wenn der Täter einen aber in einen Dialog verwickelt, empfehlen wir höflich, aber bestimmt zu bleiben. Und siezen, damit Distanz gewahrt bleibt.

Was aber, wenn die Gewalt es erforderlich macht, dazwischen zu gehen?

Mitstreiter suchen! Indem man sie direkt anspricht und ihnen sagt, was man erwartet: Hey, Sie da, mit der grünen Jacke – kommen Sie bitte mit, wir wollen dem jungen Mann helfen. Kommen Sie an meine linke Seite. Eine klare Botschaft ist wichtig, weil Menschen in solchen Situationen überrascht sind und Angst haben. Wenn man mit jenen, die als Mitstreiter gewonnen wurden, hinterher spricht, hört man oft, dass sie eingreifen wollten, sich aber allein gefühlt haben. In den meisten Fällen reicht es aus, wenn der Täter sich einer optischen Übermacht gegenübersieht, damit er den Rückzug antritt.

Was ist noch wichtig?

Nicht hinterherrennen, sondern beim Opfer bleiben. Das braucht die Hilfe. Und: Warten bis die Rettungskräfte und die Polizei da sind. Als Zeuge hat man eine Verantwortung. Wenn die Zeugenaussagen dazu führen, dass ein Täter zur Rechenschaft gezogen wird, haben wir gewonnen. Sonst lernen Täter, dass sie machen können, was sie wollen, und nichts passiert.

Quelle: taz